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Azubi-Gehalt nach Bundesland: Warum es Unterschiede gibt

Wer sich über Ausbildungsvergütungen informiert, stößt schnell auf die Beobachtung, dass Azubis in verschiedenen Bundesländern unterschiedlich viel verdienen. Die Gründe dafür liegen weniger im Bundesland selbst als in Strukturen, die sich regional unterschiedlich auswirken.

Tarifbindung ist der wichtigste Hebel

Der größte Einzelfaktor für die Höhe einer Ausbildungsvergütung ist nicht das Bundesland, sondern die Tarifbindung des Ausbildungsbetriebs. Betriebe, die einen Tarifvertrag anwenden, zahlen im Schnitt deutlich mehr als nicht-tarifgebundene Betriebe, und zwar unabhängig davon, wo sie sitzen. Wie viele Betriebe in einer Region tarifgebunden sind, unterscheidet sich jedoch je nach Bundesland und Branche: In Regionen mit vielen großen Industriebetrieben und einer starken gewerkschaftlichen Vertretung ist die Tarifbindung tendenziell höher als in Regionen, die von kleinen und mittleren Betrieben geprägt sind. Dieser Unterschied in der Tarifbindungsquote schlägt sich in den regionalen Durchschnittswerten nieder, auch wenn er eigentlich eine Eigenschaft der Betriebsstruktur und nicht des Bundeslandes ist.

Ost-West-Gefälle: ein Bild im Wandel

Ein häufig diskutiertes Muster ist das sogenannte Ost-West-Gefälle: In den neuen Bundesländern lagen die durchschnittlichen Ausbildungsvergütungen historisch etwas unter denen der alten Bundesländer. Dieses Muster ist in den jährlichen Erhebungen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) seit Langem dokumentiert. Zugleich zeigt dieselbe Datenreihe über die Jahre eine klare Tendenz zur Annäherung, der Abstand zwischen Ost und West ist kleiner geworden. Wie groß der Unterschied aktuell für eine bestimmte Ausbildung tatsächlich ist, lässt sich seriös nur mit den jeweils aktuellen BIBB-Zahlen für den konkreten Beruf beurteilen, nicht mit pauschalen Schätzungen.

Branchenmix und Lebenshaltungskosten

Bundesländer unterscheiden sich außerdem darin, welche Branchen dort besonders stark vertreten sind. Regionen mit einem hohen Anteil an Automobil-, Chemie- oder anderer Großindustrie ziehen die Durchschnittsvergütung in den dort verbreiteten Ausbildungsberufen tendenziell nach oben, weil diese Branchen überdurchschnittlich oft tarifgebunden sind und traditionell gut zahlen. Regionen mit einem stärkeren Anteil an Landwirtschaft, Tourismus oder kleinteiligem Handwerk liegen häufig niedriger. Hinzu kommt: Nominale Unterschiede in der Vergütung spiegeln teilweise auch unterschiedliche Lebenshaltungskosten wider, insbesondere bei den Mieten. Ein niedrigeres Ausbildungsgehalt in einer günstigeren Region bedeutet also nicht automatisch weniger reale Kaufkraft.

Was am Ende zählt: der einzelne Betrieb

So einflussreich diese regionalen Muster sind, sie werden häufig von einem Faktor überlagert, der noch stärker wirkt: Größe und Branche des konkreten Ausbildungsbetriebs. Ein tarifgebundener Industriebetrieb zahlt in aller Regel mehr als ein kleiner, nicht-tarifgebundener Handwerksbetrieb, und das gilt in jedem Bundesland. Wer die tatsächliche Ausbildungsvergütung für seinen Beruf wissen möchte, kommt daher nicht um einen Blick auf den konkreten Betrieb und dessen Tarifbindung herum. Auf ausbildung.guide wird deshalb auf den einzelnen Berufsseiten bewusst eine Vergütungsspanne angegeben statt eines einzelnen Durchschnittswerts, weil diese Spanne die reale Bandbreite zwischen Betrieben besser abbildet als eine einzelne Zahl.

Häufige Fragen

Warum verdienen Azubis in manchen Bundesländern mehr als in anderen?
Das liegt vor allem an unterschiedlichen Tarifbindungsquoten, am jeweiligen Branchenmix einer Region und an historisch gewachsenen Ost-West-Unterschieden, die sich über die Jahre verringert haben. Das Bundesland selbst ist dabei eher ein Sammelbegriff für diese Strukturmerkmale als die eigentliche Ursache.
Bedeutet ein niedrigeres Azubi-Gehalt automatisch weniger Kaufkraft?
Nein. Nominale Unterschiede in der Ausbildungsvergütung hängen teilweise mit unterschiedlichen Lebenshaltungskosten zusammen, etwa bei Mieten. Eine niedrigere Zahl in einer günstigeren Region kann real eine ähnliche oder sogar bessere Kaufkraft bedeuten als eine höhere Zahl in einer teuren Großstadt.
Wie finde ich heraus, wie viel ich in meiner Ausbildung und Region tatsächlich verdienen würde?
Am zuverlässigsten ist ein Blick in den konkreten Ausbildungsvertrag beziehungsweise die Stellenausschreibung sowie eine Nachfrage beim zuständigen Arbeitgeberverband oder der Gewerkschaft der Branche zum geltenden Tarifvertrag. Auch die zuständige IHK oder HWK gibt Auskunft. Für einen seriösen Überblick über mehrere Jahre und Berufe eignet sich die jährlich aktualisierte Ausbildungsvergütungsdatenbank des BIBB, wobei für die eigene Entscheidung immer die dort hinterlegten aktuellen Werte und nicht ältere Schätzungen herangezogen werden sollten.